„Es braucht einfach mehr Planung“

Als wir am 13.07.2020 im Rahmen des P- Seminars „Weg von der Wegwerfgesellschaft“ das Lebensmittelgeschäft „ohnverpackt“ in Wolfratshausen betraten, hatten wir viele unbeantwortete Fragen im Gepäck. Zum Glück konnte uns die Inhaberin Martina Steuer alle beantworten.

Was ist das Konzept eines Unverpacktladens?

Das Prinzip des unverpackten Ladens besteht darin, dass man die Gebinde möglichst groß erhält, am liebsten sind uns 25 Kilo Papiersäcke. Wir füllen die dann um in unsere Lebensmittelbehälter. Der Kunde kommt mit seinen eigenen Behältern und füllt das Produkt, das er kaufen möchte, ab. Ohne Verpackungsmüll! Ganz ohne geht es aber nicht, da manche Lebensmittel tatsächlich immer noch in Plastik geliefert werden und sich der Hersteller weigert, das zu ändern. Aber im Prinzip versuchen wir möglichst plastik- und verpackungsfrei auszukommen.

Stellen die Hersteller die großen Säcke und das Pfandsystem von sich aus bereit, oder müssen Sie diese konkret anschreiben?

Es gibt den Großhandel, dessen größte Gebinde sind 25 Kilosäcke. Es wäre wünschenswert, wenn wir diese überall erhalten würden. Nudeln zum Beispiel sind immer noch ein Thema, da diese meistens in Plastiksäcken kommen. Zumindest wird ein großer Sack geliefert und nicht viele kleine, von denen jeder nochmal verpackt ist. Es ist noch nicht so wie wir uns das vorstellen, aber es entwickelt sich, das dauert einfach.

Warum müssen die genannten Produkte in Plastik verpackt werden?

Die Hersteller äußern sich nur lapidar: „Das muss so sein, weil das Produkt sonst leidet, wenn es z.B. nass wird.“ Natürlich ist es auch bei dem Papiersack so. Wenn Nässe durchkommt, dann schimmelt es da drin.  Dieses Argument ist nicht ganz nachvollziehbar. Wichtig wäre es, besser aufzupassen.

Gibt es Lebensmittel, die deswegen nicht angeboten werden können?

Alles was im Tetrapack oder in einem Plastikbecher ist, haben wir nicht. Plastik ist nicht unvermeidlich, bei manchen Käsen zum Beispiel muss man einfach abends eine Plastikfolie darüber machen. Da funktionieren auch die Bienenwachstücher nicht so gut und das ist einfach zu teuer. Manchmal muss man einen Kompromiss eingehen. Aber auch da gibt es Zellulose Folien, die man darüber packen kann. Diese sind abbaubar. Wir haben gerade erst angefangen, aktuell haben wir jede Woche etwas Neues im Sortiment und werfen etwas anderes wieder hinaus.

Was muss sich in der Mentalität der Menschen ändern, um von der Wegwerfgesellschaft loszukommen?

Ich denke das Bewusstsein und die Reflexion zu diesem Thema muss einfach anders werden. Wenn man sich mal in der Konsequenz anschaut, welche Umweltthemen aufkommen, wenn jeder Plastik Verpackungen weiterhin benutzt und die nicht wieder verwendbar oder recycelbar sind und irgendwo im Meer landen. Ich finde allein die Vorstellung grauenhaft, dass irgendwo da draußen ein Müllkontinent, vergleichbar mit der Größe Europas schwimmt. Ich finde es krass, dass junge wie alte Menschen überhaupt nicht darüber nachdenken, was das in der Konsequenz bedeutet. Ihr müsst ja in dieser Welt irgendwie weiterleben können. Ich habe Kinder, ich habe vielleicht mal Enkel und ich habe da kein gutes Gefühl dabei, wenn ich einfach so weiterlebe und sage, naja es wird schon jemand richten.

Wie könnte man den nächsten Generationen mehr Wertschätzung für Lebensmittel beibringen?

Wir haben uns in den letzten Jahren, nach dem Motto, wenn ich Lust auf irgendetwas habe, dann esse ich das halt, schön eingerichtet. Ich kenne das von meinen Eltern auch noch anders: Heute gibt es DAS und DAS, denn es muss weg. Da gab es auch kein vertun, da ist nichts weggeworfen worden. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern irgendwann mal Lebensmittel weggeworfen hätten. Die haben das einfach anders geplant. Ihr kauft wahrscheinlich oft mal irgendetwas, wonach euch gerade ist. Das gab es früher nicht. Auf das Brot ist einfach Wurst und Käse gekommen. Da war eine andere Ordnung darin, die ist uns ein bisschen verloren gegangen. Auch wenn man hier einkauft, es braucht einfach mehr Planung. Man kann nicht alles aus dem Regal nehmen, sondern man braucht einen Behälter.

Haben Sie Tipps für die Menschen, die ihren Verpackungskonsum einschränken wollen?

Man kann schauen, dass die Nahrungsmittel aus der Region kommen und unverpackt sind. Wir können Leitungswasser trinken und eine Trinkflasche für unterwegs mitnehmen. Eine Woche lang vegetarisch oder vegan essen. Man kann waschbare Stoffe statt Papiertaschentücher benutzen und so weiter. Das ist gut für die Gesundheit, Klima und Tierhaltung. Es gibt vieles, das keinen großen Aufwand benötigt. Dass man Shampoo nicht mehr in der Kunststoffflasche kauft, sondern Shampoo Bits benutzt, oder nachfüllbare Seife. Dass man ein Seifenstück nimmt. Man kann das alles mitnehmen, auch bei Reisen. Inzwischen gibt es Zahnpasta im Glas oder als Tabs. Ich kann Papiere nehmen, die schnell kompostierbar sind, ich muss keine Plastik Einwickelpapiere haben. Ich kann alles ersetzen. Aber man muss sich damit beschäftigen und darüber nachdenken. Am Ende heißt das aber auch Verzicht. Das glaube ich, ist das wirklich Schwierige. Letztendlich heißt es, eine gewisse Konsequenz an den Tag zu legen. Mein Ziel ist Plastik zu sparen, weil ich möchte, dass die Umwelt wieder ins Gleichgewicht kommt. Wenn ich das als mein oberstes Ziel nehme, dann richte ich alles danach aus. Wenn ich aber sage: „Ja, eigentlich ist das egal, ich mach das, was leicht ist!“, dann passiert nichts.

Fehlt Ihnen etwas, auf dass Sie verzichten mussten?

Überhaupt nicht, mir macht das total viel Spaß, Dinge zu ersetzen und dann zu merken, ja fein, geht auch! Ich habe nicht so viele Lebensmittel, aber ich merke auch, dass ich das gar nicht brauche. Manchmal überfordert mich das sogar. Ich war vor kurzem wieder im Supermarkt, stand vor diesem endlos langen Müsliregal und dachte mir: „Wow, was für ein Wahnsinn!“. Hier habe ich ein Schokomüsli, ein Früchtemüsli, Cornflakes, Haferflocken und Dinkelflocken. Was will ich noch? Hier kann ich mir das alles mischen, wie ich möchte. Man muss nicht irgendeine Packung kaufen, in der dann 33% Zucker darin sind oder noch mehr. Es macht was ganz anderes mit den Menschen. Hier hat man Zeit, spricht miteinander und rennt nicht einfach durch und zack, schnell in den Einkaufskorb. Da findet einfach viel mehr statt. Das ist was mir gut gefällt, dass man sich auch austauscht, über das, was man einkauft.

Wie kamen Sie auf den Gedanken einen Unverpacktladen zu öffnen?

Ich habe noch gelernt mit dem Korb einkaufen zu gehen. Ich habe nie eine Plastiktüte irgendwo gekauft, weil unsere Mutter uns immer so losgeschickt hat. Ich habe schon immer Gemüsebeutel oder alte Tüten oder irgendetwas mitgenommen; habe mich aber geärgert, dass beim Metzger alles extra eingewickelt wird. Das braucht es nicht. Und ich habe mich geärgert, dass ich dann manchmal die Antwort erhalten habe, „Das geht nicht anders“. Es geht natürlich anders! Auf dem Markt geht das immer. Bei mir hat es dann einen Punkt gegeben, wo eine berufliche Veränderung anstand. Da war die Frage: „Was jetzt?“. Ich wollte etwas, dass meiner Ansicht nach wirklich Sinn macht. Ich dachte mir, den nächsten Unverpacktladen gibt es erst wieder in Tölz. Dann habe ich einen Workshop in Kiel besucht, bei dem es Informationen zu dem Thema gab. Von diesem Workshop hat unser Team abhängig gemacht, ob wir die Eröffnung des „ohnladens“ wagen oder nicht. Wir haben es gewagt!

Wie wurde der Laden aufgenommen?

Das Blöde bei uns war, dass wir erst am 13.  März 2020 aufgemacht haben. Ab 17.03. war der Lockdown durch Corona. Bei der Eröffnung haben uns die Kunden schier überrannt. Jetzt haben wir eine Stammkundschaft, die kommt sehr regelmäßig. Es gab auch Leute, die sofort umgestellt haben, mit allem was dazugehört. Es gibt auch Leute, die kaufen sich erstmal einzelne Produkte und schauen sich nach und nach alles an. Also sehr unterschiedlich. Wir haben auch Kunden, die einfach neugierig sind und reinkommen. Da weiß man aber schon,  die sehen wir wahrscheinlich nicht wieder. Die allermeisten sind wirklich sehr positiv und sagen, „Hey, toller Laden“. Wir wissen nicht, wie es ohne Corona wäre. Ich bin der Meinung, dass da noch viel Potential da ist. Es kommen jeden Tag noch zwischen fünf und zehn neue Leute rein, die sagen: „Ich wusste gar nicht, dass ihr da seid“. Und ich denke, wenn da immer ein Teil übrigbleibt, der dann wiederkommt, baut sich das mit der Zeit auf.

Wir haben auf Ihrer Website gesehen, dass der Waldkindergarten letzte Woche zu Besuch war. Nehmen Kinder dieses Konzept anders auf, also wird es selbstverständlicher aufgenommen oder ist mehr Staunen da, weil sie oft nur den Supermarkt kennen?

Das waren drei bis sechsjährige Kinder, da steht Spielen im Vordergrund. Sie durften sich ihr Müsli abfüllen und haben sich im Vorfeld ein bisschen mit dem Thema beschäftigt. Es hängt am Ende doch wieder von den Erwachsenen ab, was sie daraus machen. Man kann bei den Kindern anfangen. Sie müssen ab dem späten Grundschul- oder Teenageralter, ihren Eltern sagen: „Was machst du da, das ist nicht in Ordnung“. Da passiert etwas. Ich glaube aber, dass im Kindergarten das Spielen im Vordergrund steht.

Welche Frage wird Ihnen selten gestellt?

Die Fragen werden schon gut gestellt. Was viele wissen wollen ist, wie die Produkte bei uns ankommen und was wir damit machen. Was vielen allerdings nicht klar ist, das möchte ich gerne sagen: „Es ist ein unglaublicher Aufwand. Ich muss auf jedes Etikett darauf schreiben, woher das Produkt kommt. Ich muss immer dokumentieren, wenn ein Chargenwechsel ansteht. Das muss in unserer Artikelliste und Binliste dokumentiert werden. Alle Behälter werden gereinigt, bevor eine neue Charge eintrifft. Für die Biozertifizierung muss ich aufschreiben, welche Charge das ist. Falls etwas sein sollte, muss ich das nachverfolgen können. Das ist unglaublich viel Aufwand, den man nicht sieht. Das würde ich manchmal gerne sagen, wenn Menschen kommen und sagen: „Ach, ich krieg ja die Cashewkerne im Supermarkt für weniger Geld“. Da sind ganz viele Dinge einfach im Hintergrund zu erledigen. Die sollte man eigentlich mal erklären.

Ihr Appell an die Leser?

Ich möchte einfach, dass die Leute nachdenken und die Konsequenzen für die Umwelt betrachten. Die Leute sollen bedenken und für sich erkennen, dass der Verzicht im ersten Moment vielleicht auch sogar ein Stück Befreiung ist. Das fände ich schön.

Hier kommt Ihr zur Homepage des ohnverpackt Ladens